auf dem Weg in die Gemeinschaft

Berufung zum Menschsein

Jeder Mensch ist einmalig und unersetzbar. Der Glaube sagt uns, dass Gott jeden Menschen ins Dasein gerufen und ihm eine einzigartige Berufung geschenkt hat: Das Wort an den Propheten Jeremia darf auch jeder auf sich selbst beziehen: "Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Muterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt" (Jer 1,4). Dieses Geschenk der Berufung zum Menschsein ist uns Einladung, die menschlichen Gaben, die uns ins Leben mitgegeben sind, zu entfalten: unsere Leiblichkeit und unser Gefühlsleben, unsere Beziehungsfähigkeit und unsere Geschlechtlichkeit, aber auch unseren Verstand, unsere Talente und Begabungen. Je mehr wir uns als Menschen entfalten, desto mehr werden wir was wir immer schon sind und werden sollen: Ebenbilder Gottes (vgl. Gen 1,27).

Berufung zum Christsein

In der Taufe sind wir darüber hinaus zum Christsein berufen. In der Taufe wurde uns die Gotteskindschaft geschenkt, über die wir uns freuen dürfen und die wir in der großen Gemeinschaft der Christen, in der Kirche, leben dürfen. Heute spüren wir wieder mehr als in früheren Zeiten, dass es nicht selbstverständlich ist, zum Volk Gottes gehören zu dürfen. Mit Taufe und Firmung sind wir aber auch gerufen, Jesus Christus nachzufolgen und Zeugen des Evangeliums zu sein. Wir sind Jünger Jesu Christi und dürfen und sollen wie er, durch Wort und Tat das Reich Gottes zu den Menschen unserer Zeit bringen.

Berufung zu einer spezifischen christlichen Lebensform

Innerhalb der gemeinsamen Berufung zum Christsein haben sich im Laufe der Geschichte vielfältige Formen entfaltet, die christliche Berufung zu leben. Alle diese unterschiedlichen Ausfaltungen der einen christlichen Berufung sind gleichwertig und ergänzen einander:

Als Laien

Die einen sind gerufen, als Laien Christus in der "Welt" (z.B. im Beruf, in der Politik, in Vereinen und Verbänden) nachzufolgen und zu verkünden; viele von ihnen sind gerufen zu Ehe und Familie, andere zur Ehelosigkeit. 

als Diakone, Priester und Bischöfe

Wieder andere sind dazu berufen, als Diakone, Priester und Bischöfe   in der Kirche die Dienste der Verkündigung, den Dienst an den Sakramenten und den Dienst an den Bedürftigen zu vollziehen und die Gemeinden zu leiten. 

als Laienseelsorger und -seelsorgerinnen

Laienseelsorger und -seelsorgerinnen, Pastoral- und Gemeindereferenten, Katecheten und Katechetinnen, Religionslehrer und Religionslehrerinnen verkünden den Glauben und begleiten Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen auf ihrem Glaubensweg. 

als Nonnen und Mönche

Nonnen und Mönche in den Klöstern sind dazu berufen, durch ihr beschauliches Leben Zeugnis von der Gegenwart Gottes in dieser Welt zu geben und stellvertretend für die Anliegen der Menschen zu beten. 

als Ordensmännder und Ordensfrauen

Und die Ordensmänner und Ordensfrauen in den apostolischen bzw. sozial-caritativen Ordensgemeinschaften sind dazu berufen, den armen und bedürftigen Menschen zu dienen. 

als Barmherzige Brüder von Maria-Hilf

So wissen wir Barmherzigen Brüder von Maria-Hilf uns besonders gerufen, den kranken, armen, alten und behinderten Menschen ein "lebendiges Zeugnis der erbarmenden Liebe Gottes" zu sein.

Zeichen für eine geistliche bzw. kirchliche Berufung

Jede Berufung ist ein Geschenk Gottes. Doch sie fällt nicht vom Himmel und ist meist auch nicht durch einen "direkten Eingriff von oben" erkennbar. Wie also kann man seine eigene Berufung bzw. die Berufung zu einem Dienst in der Kirche erkennen? Der Ruf Gottes ist durch Zeichen zu ersehen, die Gott uns in unserem alltäglichen Leben meist indirekt gibt. Oft sind diese Zeichen unauffällig und leise, manchmal auch scheinen sie widersprüchlich zu sein.

Deswegen brauchen wir Zeit und auch Stille, um diese Zeichen zu erkennen und zu unterscheiden, welche von Gott kommen. Oft zeigen sich Berufungen da, wo jemand über längere Zeit mit seiner eigenen Lebenssituation nicht mehr zufrieden ist, wobei diese Unzufriedenheit keinen erkennbaren Grund hat (also z.B. nicht in eigenem Versagen, Überforderung, Anpassungsproblemen oder einem kritischen Ereignis usw. begründet ist). Alle kirchlichen Berufungen sind Dienst für andere. Ein wichtiges Erkennungszeichen ist daher die Erfahrung von Freude im Dienst an anderen Menschen, besonders an bedürftigen Menschen.

Hierzu gehört auch die Bereitschaft zu selbstlosem Tun, ohne dafür gleich Dank oder Belohnung zu erwarten. Kirchliche Berufungen sind ohne religiöse Motivation nicht lebbar. Freude am Glauben, Hingezogensein zu spirituellen Werten und Vollzügen (z.B. Gebet, Meditation, Schriftgespräch) und die Bejahung der kirchlichen Gemeinschaft sind darum Grundlage einer jeden geistlichen und kirchlichen Berufung. Eng damit verbunden ist auch das Hingezogensein zur Feier der Eucharistie, die ja die Mitte des christlichen Lebens ist. Kirchliche Berufungen sind immer Berufung in die Gemeinschaft und zum Dienst an der Gemeinschaft. Anzeichen für eine Berufung können daher auch sein, wo jemand Freude daran hat, den Glauben mit anderen zu teilen (z.B. in Bibelgruppen, Glaubensgesprächen usw.). Der Glaube durchdringt den ganzen Menschen. Eine Berufung wird darum bei jemandem erkennbar, der zumindest Verständnis dafür und den Willen danach hat, dass sein ganzes Leben vom Evangelium durchformt werde, ohne dabei irgendwelche wichtigen Bereiche auszuklammern. Mit der Zeit gehört zu einer Berufung auch eine wachsende innere Gewissheit und die damit verbundene Freude: Ich bin von Gott gemeint! Er ruft mich an! Und ich bin damit froh! Es ist freilich keine Gewissheit, die nicht auch immer wieder von Zweifeln und Unsicherheiten begleitet würde.